Binnenkonjunktur profitiert mehr vom Beschäftigungs- als vom Lohnzuwachs
Forderungen nach überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen werden oftmals mit der Stärkung der Kaufkraft und der Belebung der Binnenkonjunktur begründet. Doch nach Abzug von Steuern, Sozialausgaben und Ersparnissen sowie dem Kauf ausländischer Waren kommt nur ein kleiner Teil der Lohnerhöhung der Beschäftigten auch bei den inländischen Unternehmen an. So zeigen Modellrechnungen, dass bei einer Lohnerhöhung von 100 € bei einem durchschnittlichen Bruttomonatslohn je nach Steuerbelastung nur ca. ein Drittel in den inländischen Konsum fließt.
Außerdem können die durch Lohnerhöhungen gestiegenen Arbeitskosten zu ausbleibenden Investitionen und Arbeitsplatzabbau führen oder zumindest neuen Beschäftigungsaufbau verhindern – dies hemmt dann die Binnenkonjunktur zusätzlich. Empirische Analysen verdeutlichen, dass sich vor allem die Beschäftigungsentwicklung positiv auf den Konsum auswirkt und nicht die Lohnentwicklung: Eine 1-%-ige Tariflohnerhöhung schiebt den Konsum nur um 0,2 % an, ein 1-%-iger Beschäftigungsanstieg dagegen um rd. 0,4 bis 0,5 % (Quelle: IW, 2012).
Hohe Lohnstückkosten belasten Betriebe
Insgesamt stellen hohe Bruttostundenlöhne und Personalzusatzkosten für die Unternehmen in Deutschland eine erhebliche Belastung dar. Das in diesem Zusammenhang oftmals angeführte Argument, die Arbeitskostenbelastung würde durch die hohe Produktivität kompensiert, ist hierbei zu kurz gedacht: Deutschland gehört zwar weltweit zu den Ländern mit der höchsten Produktivität. Die Lohnstückkosten – also das Verhältnis von Arbeitskosten zu Produktivität – zeigen aber, dass dies nicht ausreicht, um den immensen Arbeitskostennachteil unseres Landes auszugleichen.
Denn trotz der etwas günstigeren Lohnstückkostenentwicklung von 1999 bis 2007 aufgrund der damals notwendigen arbeitsmarktpolitischen Reformen zogen die Lohnstückkosten seit Beginn dieses Jahrzehnts im Vergleich zu den ausländischen Wettbewerbern wieder an. So liegt das Lohnstückkostenniveau wichtiger Vergleichsländer im Durchschnitt 8 % unter dem deutschen Niveau. In den Vereinigten Staaten kann sogar mit 20 % niedrigeren Lohnstückkosten produziert werden. Somit ist der immer wiederkehrende Vorwurf von einer zu starken kostenbezogenen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in keinster Weise gerechtfertigt (Quelle: IW, 2019).
Deutschland gehört zu den Ländern mit den höchsten Stundenlöhnen
Deutschland gehört trotz moderater Lohnsteigerungen in den 2000er Jahren auch heute noch zu den Ländern mit den höchsten Stundenlöhnen weltweit. Diese Tatsache wird von Kritikern aus den Reihen der Europäischen Union, die die moderate deutsche Lohnentwicklung als Grund für die Exportstärke unseres Landes beklagen, außer Acht gelassen. Im verarbeitenden Gewerbe lag der durchschnittliche Bruttostundenlohn eines Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im Jahr 2018 bei über 22,30 €. Zum Vergleich: In den Nachbarländern Polen und Tschechien lag der durchschnittliche Bruttostundenlohn hingegen bei 5,84 € bzw. 7,13 € (Quelle: Eurostat, 2020).